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    Aufstehen nach der Niederlage – ein Erfahrungsbericht

    6. März 2017

6. März 2017

Aufstehen nach der Niederlage – ein Erfahrungsbericht

Juli 2014, der Weg den ich mir eigentlich ersparen wollte. Mehr als drei Jahre habe ich dagegen angekämpft. Es hat nicht geholfen. Ich sitze beim Handelsgericht und bringe den Antrag für ein Sanierungsverfahren ein.

Am nächsten Tag steht es schon groß in den Online Medien: „… ist pleite!“ Der kalte Schweiß steigt mir zuerst auf die Stirn, dann auf den Rücken und schließlich rinnt er mir langsam über den ganzen Körper hinunter und das war noch das angenehmste Gefühl.

Drei Monate später ist es klar. Eine Sanierung ist nicht möglich, das Unternehmen ist in Konkurs. Die Anlagen und die Mitarbeiter werden von einem anderen Unternehmen übernommen. Das Geschäft geht weiter, nicht aber für mich.

Die Pleite und ihre Konsequenzen

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12 Jahre harte Arbeit und viel Geld sind futsch. Persönliche Haftungen, die ich für erhaltene Kredite übernommen habe, hängen noch wie ein Damoklesschwert über mir. Ein Privatkonkurs ist nicht ausgeschlossen und es soll noch einige Monate dauern, bis der Privatkonkurs zumindest vom Tisch ist. Was bleibt ist die Niederlage, das Scheitern und alle damit verbundenen Emotionen.

Ein Neustart ist notwendig. Die Situation dafür ist denkbar ungünstig. Ich bin über 50, trage einen Konkurs im Rucksack mit, meine finanziellen Reserven sind aufgebraucht und am Arbeitsmarkt wartet niemand auf mich. 8 Monate später lege ich meine erste Honorarnote.

So habe ich die acht Monate bis zu meiner ersten Honorarnote verbracht:

Abstand

Ich habe mich in den Flieger gesetzt, habe Wien rund 7.500 Flugkilometer hinter mir gelassen und das unmittelbar nachdem meine Tätigkeit für das Unternehmen und den Masseverwalter abgeschlossen war. Dort gelandet, habe ich die SIM Karte aus meinem Handy entfernt und das Gerät tief in den Koffer gelegt.

Der Abstand war enorm wichtig. Mit meiner Familie hatte ich nur sporadisch Kontakt. Ansonsten war ich für niemanden erreichbar. Mit den Eindrücken eines weit entfernten Landes und den Menschen die ich dort kennengelernt habe, ist es mir gelungen, nicht ständig an den Konkurs, die Niederlage und das Scheitern zu denken.

Damit habe ich für mich die Voraussetzung geschaffen, die Geschehnisse der letzten Jahre – später und mit ein wenig Distanz – zu reflektieren.

Körperlich regenerieren

Der zweite wichtige Aspekt der Reise war, dass ich mich dabei körperlich regeneriert habe. Wie erschöpft ich schon war, ist mir erst auf der Reise aufgefallen. Die ersten Tage habe ich vor allem schlafend verbracht. Langsam, langsam sind die Lebensgeister wieder zurückgekommen. Ich habe gut gegessen, interessante Dinge unternommen, interessante Menschen getroffen und mich mit dem fremden Land beschäftigt.

Im Nachhinein war das enorm wichtig für mich. Ich hatte endlich wieder das Gefühl, ausgeschlafen zu sein. Ich hatte das Gefühl, dass ich langsam wieder zu Kräften komme, und fühlte wieder so etwas wie Fitness und geistige Frische. Damit hatte ich die Kraft, den emotionalen Müll, der sich die letzten Jahre angesammelt hat, zu verarbeiten.

Seelisch regenerieren

Erst nach einigen Wochen Abstand und körperlichem Regenerieren hatte ich das Gefühl bereit zu sein, mich mit dem Geschehenen zu beschäftigen. Da habe ich zu schreiben begonnen. Ich habe alles aufgeschrieben, alle Erlebnisse, Ereignisse und Anekdoten, zunächst nur beschreibend. Interpretiert und Schlüsse gezogen habe ich erst später.

Ich habe versucht zu verstehen, was aus betriebswirtschaftlicher Sicht passiert ist, was aus emotionaler Sicht passiert ist, was im Verhältnis zu meinen Vorstandskollegen, zu den Investoren und Banken passiert ist. Ich habe mit unterschiedlichen Menschen darüber gesprochen und wieder geschrieben. Damit ist es mir gelungen, die Geschehnisse richtig zuzuordnen und ihnen die richtige Bedeutung zu geben.

Zeit lassen

Mit der Arbeitssuche wollte ich sofort nach der Rückkehr von meiner Reise beginnen. So habe ich mir das vorgenommen. Dazu war ich aber nicht in der Lage. Anfangs habe ich mir Vorwürfe gemacht. Schließlich habe ich akzeptiert, dass die Zeit noch nicht reif ist. Ich habe langsam begonnen zu vertrauen, dass der Moment kommen wird. Es wird der Moment kommen, an dem das Bedürfnis da ist, wieder etwas zu tun. Diese Zeit war für meine Familie eine harte Prüfung.

Es hat nicht allzu lange gedauert. Etwa nach 3 Monaten war ich wieder motiviert. Ich habe verschiedene Varianten meiner beruflichen Zukunft durchgespielt. Ich habe mit unterschiedlichen Menschen darüber gesprochen und ich habe begonnen, verschiedene Dinge auszuprobieren. Ich bin wieder ins Handeln gekommen.

Ausbildung

Parallel dazu habe ich sehr schnell nach meiner Rückkehr von meiner Reise eine Ausbildung begonnen. Das „Was“ war nebensächlich. Wichtig war, dass ich eine Struktur hatte, dass ich gezwungen war, mich mit Menschen auseinanderzusetzen, mich intellektuell zu beschäftigen und mich auf etwas Neues einzulassen.

Die Ausbildung war das Beste, was mir passieren konnte. Ich absolvierte eine Coaching-Ausbildung. Abgesehen davon, dass die Ausbildung super war, war das im Nachhinein die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Damit hatte ich eine wunderbare Ergänzung zu meiner betriebswirtschaftlichen Ausbildung und Erfahrung.

Einen Plan machen, wenn die Zeit dazu reif ist

Mit der Energie kamen der Biss und die Zuversicht zurück. Ich konnte wieder Pläne schmieden. Ich konnte ausprobieren, was funktionieren könnte und was nicht. Ich habe mir in den letzten Monaten ein realistisches Bild davon gemacht, was ich kann und was ich nicht kann. Noch wichtiger war es, dass ich nun viel besser wusste, was ich wirklich will und was ich nicht will.

Mit dem Ausprobieren entstanden neue Energie, neue Ideen und die Pläne wurde konkreter. Plötzlich war der erste Auftrag da und ich war wieder im Arbeitsleben integriert. Wesentlich schneller, als ich es zu hoffen wagte.

Fazit

Mit der Rückendeckung, dem Verständnis und der Geduld meiner Familie und der Unterstützung meiner Freunde bin ich vergleichsweise wieder sehr schnell auf die Beine gekommen. Abstand, körperliche und seelische Regeneration und Zeit waren der Schlüssel für mich. So bin ich wieder zu Kräften gekommen. Damit war ich in der Lage, neue Pläne zu schmieden und an die Umsetzung heranzugehen.

Das Scheitern ist nun Bestandteil meines Lebens. Ich weiß jetzt, Erfolge anders einzuschätzen. Ich kann mich in Menschen hineinversetzen, die in ähnlichen Situationen sind und ich kann nun ganz anders mit schwierigen Situationen umgehen und die wichtigste Erkenntnis war, dass sich die Erde weiterdreht. Heute geht es mir besser als vorher.

 


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